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Davidis Henriette

★ 01.03.1801 in Wengern
† 03.04.1876 in Dortmund

[Henriette Davidis] Henriette Davidis wird heute als Deutschlands berühmteste Kochbuchautorin vermarktet. Das war und ist sie auf keinen Fall, denn es gab Kochbuchautorinnen, die aus ihrer beruflichen Praxis schrieben, Berufsköchinnen waren wie Luise Löffler oder Sophie Armster. Sie hatte nur das Glück, mit Velhagen & Klasing einen Verlag gefunden zu haben, der es verstand, agressive Werbung zu betreiben. Ein junger Verlag, hungrig und mit einem starken unternehmerischen Willen ausgestattet. Sie war aber auch bei den Verlagen Beadecker, Seemann und anderen unter Vertrag. Ich halte das nicht für einen Ausdruck ihrer Größe, sondern ihrer steten Unzufriedenheit. Henriette lebte im 19. Jahrhundert. Ihr wird viel angedichtet, was ganz sicher so nicht stimmen kann. Leider ist ihre persönliche Autobiographie verschollen. Der Verdacht liegt nahe, dass sie uns recht brisante Einblicke in Ihr Leben gewähren wollte, oder massive Kritik an ihren Zeitgenossen übte. So massiv, dass das Manuskript verschwand.

Der Glanz der Davidis verblasste nach 1900 ganz schnell. Es gab viele Frauen, die sich mit ihrem Namen schmückten, ihre Rezepte veränderten, durch eigene ersetzten. Das unbändige Bemühen, sie weiterhin als die Kochbuchautorin in unserem Bewusstsein zu erhalten, ist unverkennbar. Henriette Davidis hat sich in ihrem Selbstverständnis selber massiv überbewertet, und wird bis heute nicht real dargestellt. Das bekannteste Foto von ihr, zeigt sehr deutlich ihre inneren Qualen, verbittert, verhärmt, müde Augen, eine zufriedene Frau sieht anders aus.

Trotz des unablässigen Bemühens, ist von Henriette Davidis nichts weiter übriggeblieben, als ein teilweise abgeschriebenes unterdurchschnittliches Kochbuch, indem nie „Man nehme….“ stand, denn diese Phrase verwendeten mehrere Damen. Man kennt sie von Mutter Goethe, einer Verwandten der Davidis, von der Prato und aus anderen Büchern. Die Rezepteinleitung »man« nutzten Rezeptaufzeichnungen schon seit dem Mittelalter. Berühmt wurde sie einzig durch die zugewiesene Rolle im bürgerlichen Mainstream ihrer Zeit, nicht durch den Inhalt ihrer Bücher. Eine Gesellschaft des 21. Jahrhundert sollte modernen Frauen andere Vorbilder präsentieren.

Wohnorte

1. März 1801 in Wengern geboren
1816-1818Lebte bei ihrer Schwester Elisabeth Wichelhausen Haus Martfeld bei Schwelm, die den Gutsverwalter von Haus Martfeld geheiratet hatte.
1817Diente in der höheren Töchterschule bei Schwelm.
1818-1822Lebte in Bommern bei ihrer Schwester Albertine Oberste Fielinghaus, wo sie als Haushaltshilfe und Kinderbetreuerin tätig war.
1823-1828unbekannt
1828-1838kehrte nach Wengern zurück, da der Vater verstorben war und kümmerte sich um ihre Mutter, bis diese 1838 ebenfalls starb.
1838obdachlos, wurde Begleiterin einer kranken Frau in die Schweiz.
1840zog nach Windheim.
1841-1848lebte in Sprockhövel bei Familie Heine, Verwandte der Schwester
1842begleitete Frau Nedden nach Bad Ems als deren Tochter. Traf hier den Verleger Velhagen.
1842und 1843 verbrachte sie mehrere Wochen im Küstelberger Gasthaus Ewers. Sie war mit der Gastwirtsfrau befreundet.
1849 - 1856bis 1856 lebte HENRIETTE DAVIDIS bei einem Herrn Schlinger in Levern und soll Köchin in dessen Gasthaus gewesen sein. Herr Schlinger war nicht ihr Onkel im verwandschaftlichen Sinne, evtl. ein Nennonkel. –> Diese Zeit kann aus der Historie widerlegt werden.
1848-1852lebte in Bremen als Erzieherin und Gouvernante. Überschneidet sich mit der angeblichen Zeit in Levern.
1853 Am 17. Juni zieht sie von Hahlen nach Minden. Da sie wegen gesundheitlicher Beschwerden auf einer Badekur in Nammen, Porta Westfalica, gewesen sein will, beantragte sie erst am 25. Oktober 1853 eine Aufenthaltskarte bis April 1854 in Minden. Sie lebte im Haus des Tabakfabrikanten Friedrich A. Weddigen, der mehrere Kinder hatte. Das Haus stand an der Ecke Brüderstrasse 26 / Königswall 51.
1855- 1857zog sie wieder nach Bommern zu ihrer Schwester Albertine Oberste Fielinghaus
Mai 1857zog sie nach Dortmund, wo sie bis zu ihrem Tod zunächst zur Untermiete lebte, später in einer eigenen Wohnung.
1874Aufenthalt in Werne an der Lippe.
3. April 1876in Dortmund verstorben

Lebenslabriss der Davidis


Die verwandschaftlichen Beziehungen und der Stammbaum der Henriette Davidis passen bis heute nicht zu dem Frauenbild, das man ihr so eifrig erfolgreich und gut bezahlt auf den Leib schrieb. Sie war weder bescheiden noch unterwürfig, noch suchte sie ihre Erfüllung im Dienen und Gehorchen. Im Gegenteil. Sie lernte zu fordern und ihre Forderungen auch durchzusetzen. Sie agierte nicht still, sondern laut. Sie, die Nachfahrin und Cousine so berühmter Leute wie Brockhaus, Goethe, Scheibler u.a. wollte wahrgenommen werden. Ihr Leben und Werk symbolisiert die ganze Widersprüchlichkeit und Skrupellosigkeit der bürgerlichen Gesellschaft Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Teil sie war. Ganz sicher hätte von Rumohr, trotz ihrer berühmten Abstammung, der größte Kritiker der Kochkunst seiner Zeit, ihre Bücher mit auf seine Liste der verbotenen Bücher gesetzt.

Herkunft, Stammbaum


Johanna Friederika Henriette Katharina Davidis wurde in Wengern, Westfalen, geboren. Sie war das 10. von 13 Kindern des lutherischen Pfarrers Ernst Heinrich Davidis und seiner Ehefrau Maria Katharina Litthoven aus dem niederländischen Breda. Von den 13 Kindern der Familie müssen vier verstorben sein, da immer nur von neun Kindern gesprochen wurde. Henriette wurde in die bildungsbürgerliche Elite des 19.Jhdts hineingeboren. Ihr Vater Ernst Heinrich stammte aus einer sehr alten traditionsreichen lutherischen Pfarrersfamilie, die mit sämtlichen berühmten Familien ihrer jeweiligen Zeit verschwägert war.

Heinrich Davidis war 1780 in Amsterdam ordiniert worden, hatte neun Jahre in der niederländischen Stadt Breda als Garnisonsprediger gearbeitet, und danach die Stelle als Hilfsprediger in seinem Geburtsort Wengern angetreten, die bereits familiär besetzt war von seinem Vater. 1792 übernahm er die Pfarrstelle.

  • Der erste Pfarrer in der Familie war David Davidis, er wurde 1606 Stadtprediger und starb 1631.
  • Sein Sohn Thomas (1608 - 1689) war Pfarrer in Unna und wurde vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zum „Ersten Generalinspektor“ der Lutherischen Kirchen in der Grafschaft Mark bestellt. Er verfasste die lutherische Kirchenordnung für die Grafschaft Mark, die bis 1835 in Kraft blieb.
  • Dessen Sohn Eberhard Ludolf hatte wiederum einen Sohn Eberhard Ludolf, beide Pfarrer in Unna, der in die Tuchmacherfamilie Mallinckrodt einheiratete, die wiederum mit der weitverzweigten Scheiblerdynastie verwandt war, von der ebenfalls bedeutende Pfarrer abstammten.
  • Der Großvater von Henriette, David Davidis, war mit seiner Cousine verheiratet und Pfarrer in Wengern. Die Schwester seiner Ehefrau, Elisabeth Katharina, hatte den Vater des späteren Verlegers Brockhaus geehelicht. Sein Sohn Friedrich Davidis begann seine Kaufmannskarriere mit dem Vertrieb von Wollstoffen in Amsterdam, zusammen mit einem Mallinckrodt. Er war ein direkter Cousin von Henriettes Vater. Dessen Sohn Heinrich, Nachfolger im Brockhaus Verlag, war Henriettes Cousin.
  • Die verwandschaftlichen Beziehungen zur Familie Goethe lagen im Stamm Textor. Ahnfrau von Goethes Mutter war eine Katharina Scheibler.
  • Die meisten Verwandten der Davidisfamilie lebten in Dortmund.

Billige Familienhilfe


Ernst Heinrich Davidis konnte seine Riesenkinderscharr kaum ernähren und war zu einem Leben in Sparsamkeit gezwungen. Letztlich auch, weil die Pfarrerhaushalte im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses standen, ein beispielhaftes Familienleben und ein offenes Haus führen mussten. Henriette war daher bereits sehr früh verpflichtet häusliche Tätigkeiten zu übernehmen. Nach ihrer Konfirmation 1816 wurde sie, wohl aus wirtschaftlichen Nöten, zu ihrer älteren Schwester Johanna Elisabeth, genannt Betti, (1787 - 1875) geschickt, die am 21. November 1815 in Wengern [Quelle: Kirchenbuch 1678-1929 Evangelische Kirche Wengern ] den Verwalter des Ritterguts Haus Martfeld bei Schwelm, Peter Caspar Jakob WICHELHAUSEN, geheiratet hatte. Es wird verschiedentlich dargestellt, dass Betti den Besitzer des Rittergutes geheiratet hatte. Das kann jedoch nicht sein. Haus Martfeld gehörte 1815 den Erben des Barmer Kaufmann Johann Peter Hochstein, die Winkelhausen hießen.

Man schickte sie mit 16 nach Elberfeld in die »Höhere Töchterschule«, wo sie als Hilfskraft beschäftigt war und sich ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Der Biograf Willi Timm (* 5. Februar 1931 in Unna; † 30. März 1999 ebenda) Stadtarchivar und Heimathistoriker von Unna, schrieb, sie hätte dort eine Art Ausbildung für das Erziehungsfach erhalten. Das ist wohl mehr eine sachdienliche Übertreibung, denn wenn es so war, wer hätte über das nötige Schulgeld verfügt? Schulgeld für solch ein Privatinstitut wurden doppelt fällig. Einmal war Geld an die Gemeinde und einmal an das Institut zu zahlen. Da diese Kosten selbst den Eltern der höheren Töchtern zu viel wurden, sind sie von dem ohnehin schon stark finanziell beanspruchten Pfaffen nicht zu bezahlen gewesen, wie auch nicht von dem nur in Lohn stehenden Verwalter.

→ Private Höhere Töchterschulen lagen um 1800 im Trend. In Westfalen besaß das „Töchter-Inistitut“, des Herrn Snetlage in Hamm eine Vorreiterrolle. Er begründete die Notwendigkeit damit, dass die Töchter aus den gehobenen Ständen „eigensinnig, launisch und leidenschaftlich“ seien. Man müsse diesen Untugenden wirksam begegnen und die Mädchen zu moralischen Wesen bilden, die die Sinnlichkeit dem Verstand unterordnen. Sie sollen zu Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit erzogen werden und Kenntnisse erwerben, damit sie ihrer Bestimmung gemäß als Gattin, künftige Mutter und Herrin über das Gesinde ihren Pflichten nachkommen können.

→ 1817 gründete dann der Ronsdorfer Lehrer Karl Ludwig Theodor Lieth in Elberfeld die Töchterschule, in der dann Henriette Davidis kurzzeitig diente. Die Vorstellungen Lieths spiegelten sich sehr vordergründig in den späteren Schriften der Davidis wieder.

→ Eine familiäre Notwendigkeit beendete Henriettes kurze Laufbahn an der Töchterschule. Ihre Schwester Albertine, die mit dem Gutsbesitzer Friedrich-Wilhelm Oberst Frielinghaus in Witten-Bommern verheiratet war, hatte in fünf Jahren vier Kinder zur Welt bringen müssen. „Tante Jette“ musste nun vier Jahre lang Kindermädchen im Hause der Schwester sein. Hier könnten ihr auch die militärischen Verlobten besorgt worden sein, die so früh im Kampf verstarben. Um der Nachrede zu entgehen, nahm sie dann wohl für weitere Jahre eine Stelle als Erzieherin in Bremen an.

1828 kehrte Henriette zu ihrer Mutter zurück, weil der Vater verstorben war. Bis zum Tod der Mutter 1838 lebte sie wieder in Wengern. Das Pfarrhaus wurde für den Eisenbahnbau abgerissen.

Aufstieg in die ehrenwerte Bürgerlichkeit


Von 1838 bis 1857 zog Henriette Davidis, obdachlos geworden, wahllos umher.
Sie war Gesellschafterin einer depressiven Dame, lebte in Levern/ Minden und Medebach. Als ledige, einkommenslose und obdachlose Frau, war sie auf den guten Willen anderer angewiesen.
1841 begann dann die → Sprockhöveler Epoche. Sie kam zur Familie Heine, deren Haus noch immer am Niedersprockhöveler Busbahnhof steht, heute eine Gaststätte. Über ihre in Dortmund lebende Schwester, Ehefrau des Kanzleirates Heine, war man verwandt.

Durch die Verheiratung Arnoldine Heines mit dem Schultenhoferben Leveringhaus, stieg sie in die bürgerliche Oberschicht des kleinen Dorfes Sprockhövel auf. Sie soll, nach dem Biografen Willi Timm, die „Leitung einer Mädchenarbeitsschule“ übernommen haben. Anhand Sprockhöveler Akten lässt sich diese angebliche Mädchenarbeitsschule allerdings nicht belegen. Aktenkundig ist lediglich ein kleines privates Kaffeekränzchen, das 5 armen Mädchen Handarbeiten beibrachte. Es war eine unbedeutende Wohltätigkeitsinitiative reicherer Damen, die wohl in Heines Haus erfolgte.

Im Kaffeekränzchen muss sie sich mit Wilhelmine Nedden, geb. Spennemann, angefreundet haben. Beide Frauen waren gleichaltrig und hatten vielleicht auch gleiche Ambitionen. Wilhelmines Ehemann war der Stahlhammer-, Eisenhammer- und Kornmühlenbesitzer Johann Wilhelm Nedden. Wilhelmines Vater, Heinrich Ernst Spennemann, war der Vorbesitzer der Hammerwerke. Nedden besaß drei Hammerwerke am Plessbach im Hammerthal und gehörte damit zur lokalen bürgerlichen Oberschicht. Er ließ sich in der Nähe seiner Betriebe 1842 ein repräsentatives Wohnhaus an der heutigen Bochumer Straße, Ortsteil Niedersprockhövel, bauen.
Es war scheinbar dieser Bekanntschaft zu verdanken, dass das unverheiratete „Frl. Davidis“ als Lehrerin in einer Akte des Bergamtes Bochum vorgesehen war, das in dieser Zeit die Gründung einer „Mädchen-Industrieschule“ in Sprockhövel plante. Das Interesse des Bergamtes an einer wirtschaftlichen Ausbildung der Frauen war rein praktischer Natur. Wenn die Frauen in der sparsamen und rationellen Haushaltsführung, in Gartenbau und Landwirtschaft geschult waren, war auch ein Dumpinglohn für die Bergleute ausreichend um das Überleben der Familie zu sichern.

Die Esskultur im damaligen Sprockhövel, die sich sicher nicht von der im übrigen ländlichen Westfalen unterschied:

… In der Woche gab es Tonnengemüse mit Kartoffeln durcheinander gekocht, dazu ein Stück Speck und allenfalls eine Milchsuppe, die aber nach dem Gemüse gegessen wurde. ‚Plünnermelk', das ist dicke Milch, wurde aus gemeinsamem Kump gelöffelt. Allerlei kleinere Gerichte, die heutzutage auf dem Tisch des kleinen Mannes selbstverständlich geworden sind, waren vollkommen unbekannt. Von Puddings z.B. kannte man nur den ‚dicken Reis'. Seine fette gelbe Kruste wurde mit Zucker und Zimt Kneil bestreut, aber auch er erschien nur ganz selten, als Festgericht, zu Ostern oder Weihnachten. Sonst kamen Puddings erst auf, als es üblich wurde, die Töchter ein Jahr lang nach auswärts ‚in Pension' zu schicken. Die lernten dann draußen neben anderen Künsten auch einen Pudding zu kochen und brachten das als neue Errungenschaft mit nach Hause. Aber die Alten sahen solche Dinge als schnick-schnack an, und ich weiß genau, daß auch Vater F. den neumodischen Pudding mit stummem Protest über sich ergehen ließ. Er aß ihn aber schließlich mit Wohlgefallen, fügte sich dem Geist der neuen Zeit und ließ die Töchter gewähren. Mein eigener Vater war in diesen Dingen noch anspruchsloser. Ich habe in meiner Jugend nicht gesehen, daß er je einen Apfel oder eine Birne aß, er sah das als Firlefanz an.

Velhagen & Klasing


Bevor der Verlag Velhagen und Klasing sich dazu entschloss, die Rezeptsammlung der Henriette Davidis zu drucken, hatte sie viele Absagen anderer Verlage kassiert. Kochbücher gab es bereits genug.

1842 begleitete sie erst einmal die Mutter von Wilhelmine Nedden aus Sprockhövel, wo sie zu dieser Zeit lebte, nach Bad Ems. Laut Anmeldebescheinigung reisten die Damen als Mutter und Tochter. Die Davidis traf während dieses Aufenthaltes August Velhagen. Ob sie ihn bereits kannte, oder ihn dort zielgerichtet zu treffen suchte, bleibt unklar. Nach den Absagen anderer Verlage nutzte sie wohl die Gunst der Stunde, um den Kontakt mit der Buchhandlung von Velhagen und Klasing anzuknüpfen. Zu dieser Zeit war der Verlag noch ein unbedeutendes Unternehmen in Bielefeld, gegründet 1833, dass jeden Strohhalm ergriff, um sich zu etablieren. Beide Inhaber waren jung, frisch verheiratet und dynamisch. So läßt sich eventuell auch erklären, dass man das Buch der Davidis als „Schnäppchen“ ansah. Es ist anzunehmen, dass die persönliche Beziehung zur Familie Nedden weiter half. Hat Velhagen sie dort kennen gelernt, könnte er zunächst angenommen haben, ein Mädchen aus allerbestem Hause zu treffen.

Die Rezeptsammlung wurde dann 1845 in Bielefeld gedruckt als „Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche. Praktische Anweisung zur Bereitung von verschiedenartigen Speisen, kalten und warmen Getränken, Gelees, Gefrornem, Backwaren sowie zum Einmachen und Trocknen von Früchten, mit besonderer Berücksichtigung der Anfängerinnen und angehenden Hausfrauen. Bearbeitet von Henriette Davidis.“

Dieses Büchlein, 344 Seiten stark, wurde für sie der Schritt in die finanzielle Unabhängigkeit. Die Rechte des Buches hatte sie, noch unwissend, an Velhagen für 450 Taler verkauft. Oder es war die Bedingung dafür, dass man das Buch überhaupt druckte. Zuerst waren es nur vorsichtige 1000 Exemplare, weitere folgten dann Schlag auf Schlag.
Noch im selben Jahr wurde die zweite Auflage mit 2.000 Ex. gedruckt, die dritte mit 3.000 erschien 1846, die vierte 1849 mit 5.000, die fünfte 1851 mit 8.000 usw. Als die Davidis 1876 starb, war gerade die 21. Auflage mit einer Auflagenhöhe von 40 000 Exemplaren in Druck. Die Ausgaben wurden wieder und wieder überarbeitet und ausgebaut.

Nach dem Tod der Davidis waren es vor allem Luise Rosendorf und Luise Holle, die sich über die Davidis-Kochbücher profilierten. Sie veränderten die Rezepte, ergänzten sie durch eigene Schöpfungen. Der Verlag verkaufte die Rechte der Kochbücher in die Niederlande, nach England, Frankreich, Dänemark und 1879 in die USA.

Die „Kochkünste“ von Henriette Davidis waren für die einfachen Leute wenig geeignet. Ihr „Klientel“ rekrutierte sich ausschließlich aus der kleinen, bürgerlichen und wohlhabenden Oberschicht des Kaffeekränzchens.

Bürgerliches Frauenbild


Nach Davidis, und anderen Autoren dieser Zeit, war das häusliche Glück garantiert, wenn die Hausfrau die Kenntnisse in allen praktischen Belangen des Haushaltes besaß. Zu diesen praktischen Belangen zählten nicht nur das Kochen, auch das Konservieren, wursten, einkaufen, die Obst- und Gemüseerzeugung, Gesundheits-, und Wäschepflege, kurz das gesamte häusliche „Management“.

Weiter erwartete man von der Frau „sittliches Betragen“, Kenntnisse und Fähigkeiten sich passend zu kleiden, die Wohnung bedarfsgerecht einzurichten, sogar die eigene Herstellung von Kosmetik. Dies alles vermittelte Henriette Davidis umfassend und verständlich. Auch wenn die meisten Frauen gar nicht in der Lage waren, ihre Vorschläge und Rezepte zu befolgen, so bauten die Verlage doch mit ihr ein massenwirksam funktionierendes Leitbild mit Markencharakter auf.

„Jette“ vermittelte alle deutschen Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Bescheidenheit, Aufopferung und Frömmigkeit. Voraussetzung für das Funktionieren eines heilen Familienlebens in diesem Sinne, war die Unterordnung der Bedürfnisse von Frau und Töchtern unter die Bedürfnisse des Mannes und Vaters. Eigene Interessen und Wünsche hatten im bürgerlichen Mainstream keinen Platz. Man formulierte über die Davidis den „Beruf der Frau“ und Jungfrau.

Charakteristisch für das 19. Jahrhundert war ebenfalls eine stark ausgeprägte Sexualfeindlichkeit, die sich bei der Davidis scheinbar über eine totale Asexualität äußerte. Zwar lernten die Mädchen bei ihr eine Schildkrötensuppe zu kochen, Sommersprossen zu bleichen und einen Truthahn zu tranchieren, über sich selber lernten sie nichts. Dabei wäre gerade die Kenntniss über die Geburtenkontrolle für die meisten Frauen wichtiger gewesen, als das „Boeuf à la mode“. Verschämt schreibt Davidis erwartungsgemäß in der „Jungfrau“ über die Braut und die Versuchungen des Brautstandes:

Die Braut suche vor allem, „ihre weibliche Würde heilig zu halten und sich die höchste Achtung zu bewahren, die dadurch gewissermaßen bei demselben“ - dem Mann - „gesichert ist für alle Zeiten. … An der Seite eines edelgesinnten Verlobten wird die Braut immer jenen Anstand bewahren, der ein bräutliches Verhältnis so lieblich erscheinen lässt, also auch ein häufiges Alleinsein mit ihrem Verlobten zu vermeiden suchen.

Die meisten Mädchen aus dem Bürgertum gingen sexuell völlig unerfahren und unvorbereitet in die Ehe. Sie erlebten ihre Hochzeitsnacht verstört und waren vielfach traumatisiert. Den häuslichen Sex könnte man auch als stete „Vergewaltigung“ in der Ehe bezeichnen.

Die Marke Davidis


Die Marke Davidis verhalf dem Idealbild der fügsamen, dienenden, sich selbst verleugnenden Frau zur Allgemeingültigkeit. Frauen die sich nicht daran hielten, wurden zu Randfiguren abgewertet. Gegen Ende ihres Buches, „Beruf der Jungfrau“, widmet man der unverheirateten Frau eine knappe Seite. Es wird davor gewarnt, einzig „im ehelichen Verhältnis Glück“ zu suchen, denn „nur an der Seite eines guten, achtungswerten Mannes sei das Los der Frau ein Schönes.“ Die ledige Frau soll nicht an sich denken, sondern ihre Erfüllung darin sehen, anderen zu helfen. Die Davidis rät grundsätzlich zu einer tüchtigen Ausbildung, „sei es nun das Haus- und Wirtschaftswesen, oder eine Kunst und Wissenschaft, das Unterrichts- und Erziehungsfach oder Handarbeit, was alles auch als Hausfrau Dir ein Schatz sein wird.“

Als erstrebenswert gepriesen wurde in den Davidisbüchern aber nur das Dasein als Ehefrau: „Dem Hause würdig vorzustehen, dasselbe nach Möglichkeit zum angenehmsten Aufenthalt des Mannes zu machen, nur ihm gefallen zu wollen, auf alle seine Wünsche, sofern sie zum wahren häuslichen Glücke dienen, die größte Rücksicht zu nehmen, möglichst zu vermeiden suchen, was Sorgen nach sich ziehen könnte, nie zu vergessen, dass der Mann der Versorger der Familie ist - das sei und bleibe die schönste Aufgabe des weiblichen Berufs.“

Henriette Davidis bediente, gut formuliert und wortreich, die Erfordernisse der Zeit und die Forderungen der Verlage. Und hätte sie auch dreist etwas anderes gewollt, sie hätte es nicht publizieren dürfen. Ihre frühen Gedichte sind einmal erschienen und bis heute kaum beachtet. Sie hatte nur dem bürgerlichen Mainstream zu dienen, und nur dafür wurde sie bezahlt. Obwohl sie sich unpolitisch gab, ihr publiziertes Frauenbild hatte durchaus politische Auswirkungen. Nach diesem Idealbild wurden die Frauen und Männer abgerichtet. Und auch nur in diesem Konsens spielte ihr Name eine „bedeutende und berühmte“ Rolle. Ihr Lebenswerk selber bleibt ebenso verlogen wie der soziale Stand in den sie sich heraufgeschrieben hatte, und in dem sie am Ende ihres Lebens endlich leben konnte.

Das Bild der Jungfrau


Die Davidis-Werke sollten ein Frauenbild zeichnen, das im Einklang mit dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts stand. Väter und Ehemänner, Onkel und Brüder, Pfarrer und Lehrer, alle konnten die Davidis-Werke in dem Bewusstsein verschenken, um damit ein ihnen genehmes Frauenbild zu kolportieren.
Der hohe Stellenwert der Religion garantierte die Bereitschaft der Frauen, sich weiterhin den kirchlichen Autoritäten zu unterwerfen, und ihren Alltag still zu erdulden. Auflehnung war bei dem strategisch perfekt aufgebauten Davidisbild nicht vorgesehen.

Die christliche Religion aber macht das Herz zu allem Guten geschickt. Sie ist die erwärmende, Geist und Leben schaffende Sonne des weiblichen Gemüts, die bis in alle Tiefen des Herzens dringt, seine bösen Triebe zerstört und beglückende Keime weckt; sie ist das heilige Licht der Seele, aus dem nichts Unwahres und Unlauteres hervorgeht; sie ist die allmächtige Kraft Gottes, welche die Hochmütigen demütigt, den Schwachen hebt, den Gebeugten aufrichtet, den Kummervollen tröstet, den Fröhlichen im rechten Gleise hält und dem Familienleben die wahre Weihe gibt. Drum wohl dem Hause, worin der Geist des Christentums weht! Es kann Leid und Ungemach darin einkehren, aber Freudigkeit der Seele, Liebe und Frieden wissen es zu tragen.

Henriette Davidis Schriften erschienen zu einer Zeit, in der die Menschen in ihrem Alltagsleben kaum auf Gelerntes und altbewährte Traditionen zurückgreifen konnten. Es war das aufblühende Industriezeitalter. Nie zuvor in der Geschichte änderten sich die Lebensumstände der Menschen so schnell und radikal wie in dieser Zeit. Eisenbahnen brachten Güter, Menschen und Nachrichten an alle möglichen Orte. Die Industrialisierung veränderte die Produktionsweisen, die Landschaften und Städte grundlegend und boten insbesondere den Menschen Arbeit, die zuvor in der Landwirtschaft mehr schlecht als recht gelebt hatten. Mehr junge Menschen als zuvor konnten Familien gründen, weil sie eine Existenzgrundlage fanden. Die Bevölkerungszahl wuchs rapide an, aber auch die massenhafte Verelendung.

Verwandschaftliche Bande


Vielleicht war ein Aspekt ihres Erfolges auch ihre Herkunft und das Geflecht der verwandschaftlichen Beziehungen. Wenig bekannt ist, mit wem die Familie Davidis alles versippt war. Für Interessierte empfehle ich die Genealogieseite von Frank Heidermanns, die einen wahrhaft zum Staunen bringt: Davidis Verwandschaft.

Die wahre Davidis


Wenigstens 60% all dessen was über Henriette Davidis geschrieben wurde, dient der zielgerichteten Aufwertung. Zu ihrer Zeit war sie ein Niemand wie alle anderen unverheirateten, unbeschützten Frauen ihrer Zeit. In der Literatur des 19. Jahrhunderts findet man nur das über sie, was man über alle findet. Selbst die ellenlangen Lobhudeleien ihrer Bücher fehlen, die sich andere Frauen redlich verdient haben. Nur hier und da mal eine Buchbesprechung, oberflächlich, halbherzig.

Ihre Rezepte sind nicht außergewöhnlich, sie hat sich aber Mühe gegeben bei der Titelei. Aus den Büchern lässt sich schließen, sie war sehr auf Ordnung bedacht, sie wollte alles perfekt machen. Ihre Rezepte sind längst nicht alle von ihr gekocht worden. Schwer vorstellbar, dass sie das Mitspracherecht bei ihren Büchern hatte, dass man ihr zuschreibt. Sie war Lohnschreiberin. Da sie ihre persönlichen Auseinandersetzungen mit den Verlagen hatte, wechselte sie häufig.

Dass die Davidis nicht generell unstreitbar war, zeigt die Person einer Helena Clemen, die sich intensiv in die Davidis einmischte. Sie gab ihr Hinweise und schrieb intensiv Leserbriefe. 1886 soll in der Eintragsrolle Nr. 68 des Rates der Stadt Leipzig eingetragen worden sein, dass eine Helena Clemen die Autorin der 23. und 24. posthumen Auflage des Praktischen Kochbuches gewesen sei, das diese unter dem Pseudonym Henriette Davidis veröffentlicht habe. Wer diesen Eintrag veranlasst hat, ist noch nicht ganz klar und wird derzeit noch untersucht. Diese beiden Auflagen sollen von Borchling und Otterbruch vorbereitet worden sein, wofür es allerdings keine Nachweise gibt. Quelle Methler/Methler: Biographie … S. 31.

Wie zu ihren Lebzeiten wird die Davidis bis in unsere Zeit für den Mainstream ausgenutzt. Womit hat sie das verdient? Ihre Bücher sind völlig nebensächlich bei ihrer Bewertung, denn diese gab es in dieser Form dutzendfach. Für den Kenner nicht zu übersehen die Verwandschaft mit anderen Kochbüchern wie Sophie Armster, die einige Jahre vorher entstanden. Auch ihr Gartenbuch zeigt verdächtige Wahlverwandschaften. Sei es so, es ist nicht wichtig.

In Henriette Davidis finden wir eine verhärmte Frau, die hart im Alltag kämpfen musste. Dass sie ihr eigenes Geld verdienen »durfte«, war ein großes Privileg, doch um welchen Preis? Sie schrieb über alles um Geld zu verdienen, war als Gouvernante tätig. Immer auf fremde Menschen angewiesen zu sein, und waren es die eigenen Schwestern, nie ein eigenes Heim haben, sitzen geblieben und vielleicht auch von der höchst ehrenwerten Verwandschaft abgelehnt, kein Leben das man selber haben will. Wenn sie die Wahl gehabt hätte, die sie nie hatte, wären vielleicht andere Bücher entstanden.

Autor: Justine Marén “<img src=„„http://vg07.met.vgwort.de/na/22730f3a73f84d3dbd246e40da872ad8““ width=„ „1“ „height=“ „1“ „alt=„henriette davidis ““>“